Srebrenica Opfernarrative und -inszenierung

Srebrenica: Opfernarrative und -inszenierung

Internationaler Workshop | Slawistik Universität Wien | 20./21. Mai 2021

Von Opfernarrativen, die im südslawischen, gerade postjugoslawischen Raum aktuell allgegenwärtig sind, wird im Zusammenhang mit dem Völkermord von Srebrenica zurückhaltender gesprochen. Der Genozid an der zivilen, lokalen Bevölkerung hat die Aufmerksamkeit der globalen Öffentlichkeit als „größtes Verbrechen auf europäischen Boden seit dem Zweiten Weltkrieg“ auf sich gezogen und das Holocaust-Bildgedächtnis Europas reaktiviert. Undarstellbarkeit, Sprachlosigkeit und die Unmöglichkeit, den Hinterbliebenen in der Annäherung an das Thema keine Gewalt anzutun mögen eine Rolle dabei spielen, dass Opfernarrative rund um den Genozid Srebrenica noch nicht umfassend kulturwissenschaftlich analysiert und bearbeitet worden sind. Dabei liefern Opfernarrative häufig die Grundlage für kulturelle und nationale Selbstinszenierungen und -bilder, die in der nachjugoslawischen Region auch klar miteinander in engen wechselseitigen Bezügen stehen und Gegenwartsdebatten bestimmen.

Photo: Srđan Veljović (Žene u crnom Srbija)

Der Workshop Srebrenica: Opfernarrative und -inszenierung wird Opfernarrativen zu Srebrenica und der Frage nachgehen, wie nach den jugoslawischen Zerfallskriegen und der Entstehung neuer Zugehörigkeitsvorstellungen ab den 1990er Jahren Opfer, Opferrolle und Opfertum im Zusammenhang mit dem Genozid von Srebrenica insbesondere das bosnische und bosniakische Selbstverständnis prägten. Wie wird rund um Srebrenica Opfer, Opfertum und Opferrolle dargestellt, besprochen und erinnert? Welche Opfernarrative gehen aus Srebrenica hervor und wohin stellen sie das Opfer nach und angesichts der Tat? Begründet das Opfer erst den Täter und wenn ja, wie verhält sich dieser Begründungszusammenhang zu den wechselseitig abhängigen Identitätsentwürfen der Südslawen? Srebrenica legimitiert wie auch andere Opferdarstellungen und -positionen Ansprüche an die Täter und an die internationalen Beobachter, die als Zeitzeugen über den Ereignissen stets auch zu Gericht sitzen, wenn von Srebrenica die Rede ist. Welche Rolle kommt überhaupt dem Zuschauer (bystander) im Verhältnis Opfer-Täter zu und wer ist das Publikum, wer Adressat bestimmter Opfernarrative um Srebrenica? Das Versagen der internationalen Gemeinschaft ist klarerweise ebenso Bestandteil der Erinnerungspraktiken und -narrative um Srebrenica wie Debatten zur Frage der Anerkennung und Nicht-Anerkennung von Täterschaft.

Im Fokus des Workshops stehen Opfernarrative, Verhandlungen und Inszenierungen des Genozids von Srebrenica in Literatur, Film, Theater und anderen Künsten sowie in der Erinnerungspolitik und Gedenkinszenierung im öffentlichen und musealen Raum.